Traumaarbeit & Behandlung mit „Amigo“, rumän. Sportpferd 14 Jahre

Eine Woche nach dem Workshop „Visionäre Pferdeosteopathie“ mit Selina Dörling, bei dem sich für mich viele Einzelteile der Osteopathie zu einem Gesamtbild zusammengefügt haben, bekomme ich den Parade-Patienten für die Trauma-Behandlung. Ein 14jähriges Sportpferd, aufgewachsen in Rumänien, mit 5 Jahren spät gelegt und ein riesiges Brandzeichen mitten auf dem Rücken. Autsch! Seit Oktober 2017 ist das Pferd bei seiner neuen Besitzerin. Aktueller Stand: Das Nervenkostüm des Pferdes ist ziemlich dünn, es wird auf Magengeschwüre behandelt und es verhält sich extrem ungeduldig, steigt und geht durch.

Vorbericht der Besitzerin: „Als Amigo am 2. Oktober 2017 in meinen Besitz kam war ich der glücklichste Mensch, der Traum vom eigenen Pferd wurde für mich nach 19 Jahren war. Leider merkte ich nach ein paar Monaten dass er mich nicht ernst nahm und so fing er an mich umzugallopieren und anzusteigen.
Viele in meinem Umfeld meinten damals zu mir, gib dieses Pferd her, denn er sei gemeingefährlich. Für mich war klar ich werde kämpfen und ihn nicht einfach so gehen lassen. Schnell wurde mir bewusst ich benötige dringend professionelle Hilfe, denn zu diesem Zeitpunkt war die Arbeit mit Amigo für mich lebensgefährlich.
Ich habe lange gesucht, doch die Suche hatte sich gelohnt und ich traf auf die Pferdetrainerin Anne Hartwig. Sie hat Amigo gezeigt dass es auch reiten am ‚langen Zügel‘ oder bodenarbeit gibt. Amigo ist mittlerweile ein absolutes Traumpferd!
Mit viel Geduld, Disziplin, Leidenschaft, Liebe und doch auch manchmal ein paar Tränen haben wir es geschafft!“

Pferdeosteopathie Sportpferd

„Osteopathischer“ Behandlungsgrund: (Ich schreibe das in Gänsefüßchen, da oft der eigentliche „Grund“ gar nicht das Hauptproblem ist. Sondern nur ein Anzeichen bzw. eine Äußerung des Pferdes für andere Probleme.) Probleme mit dem rechten Hinterbein (auch beim Hufegeben); sehr nervös unter dem Reiter; tut sich schwer beim Angaloppieren an der Longe.

Mein erster Eindruck als ich das Pferd vorgestellt bekomme: ein „Riesenbaby“, also ein kindlicher Geist in einem großen Körper, den es noch nicht beherrscht und einige Traumata, die noch nicht verarbeitet werden konnten.

Das Offensichtlichste davon liegt mitten in der Sattellage: 4 große Ziffern sind mitten im Rücken (rechte Seite) eingebrannt… (Warum tut man sowas???) Das Pferd kommt aus der Box und ist sofort „an“. Der Wallach kann nicht ruhig stehen, schnappt und schlägt nervös nach jeder Fliege. Sein Gangbild kann man als „Prinzessinnengang“ beschreiben. Würde man eine Linie auf den Boden malen, liefe er mit allen vier Hufen auf dieser Geraden… hinten zehenweit, vorne einigermaßen gerade, aber vorne wie hinten bodeneng. Exzellentes Laufsteg-Talent, aber weniger geeignet für ein Sportpferd.

Die Behandlung: Es dauert ein klein wenig, dann beruhigt sich Amigo unter den ersten Craniosacralen Handgriffen und kommt trotz der umherschwirrenden Fliegen etwas zur Ruhe. Das Pferd wird während meiner Behandlung nicht angebunden, sondern darf sich am Strick frei bewegen und äußern. Er schlägt viel mit dem Kopf und tippelt herum.

Wahrnehmung – Kontakt mit den Händen wie mit dem Herzen: Für mich als Therapeut beginnt eine Reise durch den Körper und die Gefühlswelt des Pferdes. Gelingt es mir dem roten Faden, den mir das Tier vorgibt zu folgen, können wir gemeinsam bisher Erlebtes aufarbeiten. Man lädt den Patienten dazu ein durch ein Nachahmen oder Nachempfinden, z.B. von den Bewegungen während eines Sturzes, den immer noch vorhandenen Schock aufzuspüren. Finden wir ihn, darf er sich auflösen. Diese Technik nennt sich in Fachkreisen „Unwinding“ (Entwirrung).

Körperlich geschieht dies, indem das Pferd selbst anfängt sich zu bewegen. Natürlich schlägt es jetzt keinen Purzelbaum, wenn es um ein Sturztrauma geht. Aber es fängt möglicherweise an, Hals und Kopf seltsam zu verdrehen, zu bewegen und zu strecken. Damit lösen sich die im Schock erstarrten Zellerinnerungen.

Ebenso können sich Emotionen lösen wie Angst (Was empfindet ein Pferd, wenn es ein Brandzeichen gesetzt bekommt?), Frust, Wut, usw. Da Pferde Fluchttiere sind, können sie solch starke Emotionen (natürlich auch positive wie Freude) nur über Bewegung ausdrücken. Wird dies verhindert, entsteht und bleibt Schock! Pferde haben kaum bis keine Schmerzlaute. Ihre Ausdrucksform für Emotionen sind Bewegung und Körpersprache.

Bei der Behandlung von Amigo sind wir recht schnell auf einer Reise in seine Vergangenheit. Was genau passiert ist, wissen wir natürlich nicht. Vermutungen tauchen auf und die dazugehörigen Gefühle und Bilder. Zum Aufbrennen dieser riesigen Zahlen auf seinem Rücken, gibt es sicher eine unschöne Geschichte. Pferde werden dazu an den Beinen gefesselt und umgeworfen… was für ein Schock in Verbindung mit dem Schmerz.

Am Kopf ist Amigo besonders scheu und seine Besitzerin berichtet mir, dass er Angst hat vor Männern. Gründe dafür kann man wieder nur vermuten. Wir nehmen es zur Kenntnis. Während der Behandlung gebe ich Amigo die Möglichkeit bisher unterdrückte Gefühle zu zeigen. In der Regel fallen sie jetzt viel schwächer aus als ursprünglich. Jedoch hilft es dem Pferd ungemein sich damit Ausdruck zu verschaffen und „gesehen zu werden“. Bei der Behandlung am Kopf ist er zuerst scheu, dann bemerkt er die Veränderung und dann darf er „seine Meinung“ dazu sagen. Er nimmt den Kopf sehr hoch, setzt zum steigen an und wir lassen ihn gewähren. Vor allen Dingen bestrafen wir ihn nicht dafür. Es ist nicht gegen uns gerichtet. Es ist seine Art dieses Trauma zu verarbeiten.

Nach der Aufruhr kommt die Entspannung. Amigo steht mit gesenktem Kopf neben mir. Schnaubt ab. Noch einmal behandel ich mit sanften Griffen seinen Gesichtsschädel. Es lösen sich Sekrete, die Nase tropft, er schnaubt und hustet einmal ab. Bravo!

Es geht weiter mit dem Kastrationstrauma und der Beckenmuskulatur. Auch hier darf das Pferd das tun, was es während der Operation nicht konnte, sich Ausdruck verschaffen: er zieht das Hinterbein an, kickt leicht nach hinten und löst die aufgestaute Energie. Dabei wird er insgesamt immer entspannter, die Atmung vertieft sich und sein ganzes Wesen bekommt einen ganz anderen, selbstbewussteren Ausdruck. Zufriedenheit. Anerkennung. Persönlichkeit.

Der Höhepunkt der Behandlung scheint erreicht als ich am Thorax Hand anlege und sich mit einem Mal das gesamte Fell aufstellt. Wir erinnern uns an das große Brandzeichen auf der rechten Rückenhälfte. „Amigo“ stehen im wahrsten Sinn des Wortes die Haare zu Berge! Das Nervensystem entlädt sich und man kann zuschauen wie sich sein gesamter Körper verändert. Die Bauchlinie entspannt sich, der Rücken kommt hoch, das Pferd wird länger und größer. Ein wunderbarer Moment. Wir halten alle drei inne und staunen. <3 Wunderwerk Natur bei der Arbeit…

Die Behandlung hat circa 60min gedauert. Meistens vergesse ich die Zeit dabei. Zum Schluss und auch zwischendurch führen wir „Amigo“ ein paar Schritte und beobachten, was sich verändert hat. Sein Gang ist jetzt viel raumgreifender. Er steht da „wie ein Mann“, nicht mehr wie eine Prinzessin. 😀 Und wir haben jetzt bei der Hinterhand eine richtig aktive, caudale Stützbeinphase (Schubphase)! Vorher gab es diese gar nicht.

Zum Schluss schaue ich mir explizit sein rechtes Hinterbein an. Nimmt man es zum Hufe kratzen auf, zieht er es sofort hoch und es sieht aus wie wenn ein Hund sein Bein hebt. Nun gilt es dem Pferd bewusst zu machen, dass er jetzt auch anders könnte… Bewegungsmuster bleiben häufig lange gespeichert. Sind sie körperlich gelöst, muss auch der Geist noch umgeschult werden. Also nehme ich zuerst seine „gesunde“ Seite auf. Das klappt prima. Dann frage ich nochmal das schwierige Bein an und siehe da. Es klappt, etwas zögerlich, aber er kann es. Hier gilt es in den kommenden Tagen weiter zu üben und neu zu lernen. Er kann es, aber er weiß noch nicht, dass er es kann! 😀

Für heute sei es genug. Die Behandlung war sehr intensiv und erfahrungsgemäß braucht der Körper 8-12 Wochen für weitere Umbauprozesse. Direkt nach der Behandlung sollten dem Pferd mindesten 2-3 Tage „Ruhe“ gegönnt werden. Wobei damit keinesfalls Boxenruhe gemeint ist. Freie Bewegung auf der Koppel, beim Spazieren oder in der Halle sind unbedingt erwünscht. Nur so können sich die angestoßenen Veränderungen im Organismus weiterentwickeln. Leben ist Bewegung!

Synthese Pferd „Amigo“: Viele Baustellen und „alte Geschichten“, die zu einem sehr überreizten Nervenkostüm geführt haben. Viel körperlicher und seelischer Stress, der sich im Magen niederschlägt (Magengeschwür, Übersäuerung, Darmproblematik, Immunsystem). Seine späte Kastration und sein Leben als Junghengst und der „plötzliche“ Übergang in das Sportpferdeleben, haben deutliche Spuren hinterlassen.

Vieles konnten wir in der Behandlung harmonisieren. Weiteres wird sich in der Folgezeit entwickeln. In Zusammenarbeit mit der Besitzerin, dem Tierarzt und der Pferdetrainerin kann ein Gesamtkonzept erstellt werden, in dem Amigo der Weg offen steht zu einem gesunden Pferdeleben. Über eine Futterumstellung wird weiter an einer gesunden Darmflora und einem intakten Verdauungsapparat gearbeitet. Grundsolides Training wird ihm helfen seine neu gewonnene Bewegungsfreiheit muskulär zu stabilisieren.

Ob und wann eine zweite Behandlung angebracht ist, werden wir abwarten. Amigo bekommt nun erst einmal mindestens 8 Wochen Entwicklungszeit.

Feedback der Besitzerin am Tag nach der Behandlung: „Allen im Stall ist sein veränderter Rücken aufgefallen. Leider wird das mit dem Bein (beim Hufe geben) noch nicht besser.“ (Anmerkung Lina: Ich denke, hier braucht es ein aktives Umlernen. Das dauert einige Zeit. Üben, üben, üben.)

Feedback von der Pferdetrainerin (erstes Training 3 Tage nach der Behandlung): „Amigo geht es gut, er war ein bisschen vorsichtig und bedacht unterwegs, ging aber sehr schön und flüssig.“

Herzlichen Dank an alle, die bis hierher durchgehalten haben. Ich hoffe, ihr konntet einen Eindruck von den tollen Möglichkeiten einer ganzheitlichen, osteopathischen Behandlung bekommen. Und vielleicht auch ein paar neue Denkanstöße und Ideen für die kausalen Zusammenhänge von „pferdischen Unarten“ und den eigentlichen Ursachen.

 

Feedback speziell zum Kurs für Therapeuten „Visionäre Pferdeosteopathie“ von und mit Selina Dörling:

Ein großes Dankeschön an meine Kollegin Selina Dörling, die mir mit ihrem Kurs für Therapeuten „Visionäre Pferdeosteopathie“ zu einem tieferen Verständnis der Osteopathie verholfen hat. Die Essenz des Kurses ist es bei jeder Behandlung das Pferd als Ganzes zu betrachten und sich nicht zu schnell in den Details zu verlieren. Für ausgebildete Therapeuten sind die Techniken direkt anwendbar und bereichern die tägliche Arbeit ungemein.

Für mich haben sich in dem Kurs viele neue Zusammenhänge und Verknüpfungen ergeben aus Bereichen, die ich vorher zwar schon kannte und auch singulär angewandt habe, aber die jetzt wirklich ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Ein ost vernachlässigtes gebiet sind dabei die viszerale Osteopathie und der emotionale Zustand eines Pferdes.

Ein Grundsatz in der Arbeit nach Selina Dörlings Konzept: es werden immer die drei Einheiten Kopf, Thorax und Becken behandelt, um Körper und Geist wieder in Harmonie zu bringen. Bei der Behandlung der verschiedenen Bereiche (Kastrationstrauma, Becken, Thorax und Cranium (Kopf)), können sich emotionale und körperliche Spannungen auflösen. Findet man den richtigen Zugang zum Pferd ist die Hauptfrage nicht „Wo ist das Problem?“, sondern eher „Wo versteckt sich deine Gesundheit, deine Lebenskraft?, Wo wird sie blockiert und wie können wir sie freilegen?“

Merke: jeder Organismus heilt sich selbst! Ein Therapeut hilft, Angestautes aufzulösen und die natürlichen Prozesse im Organismus wieder in Schwung zu bringen. Gelingt es die „Kanäle“ wieder zu öffnen, tritt man einen Schritt zurück,  bedankt sich und lässt der Natur ihren Lauf.

So macht arbeiten Spaß! Und man lernt sein Leben lang dazu. Mit jedem Pferd. Mit jeder Behandlung. Mit jeder Begegnung auf Augenhöhe.

von Herzen „Danke“

Lina Peuckert

 

Bilder: mit freundlicher Genehmigung der Pferdebesitzerin Annamaria, Fotos privat zur Verfügung gestellt