Diaphragma abdominale | das Zwerchfell – wie atmet unser Pferd?

In diesem Beitrag möchte ich euch zu einem kleinen Ausflug in die funktionelle Anatomie einladen.

 

Mit Muskeln und vielleicht auch dem Skelett des Pferdes haben sich (hoffentlich) die meisten Reiter zumindest flüchtig schon mal beschäftigt. Doch was steckt noch alles drin im Pferd? Wie ist alles miteinander verbunden? Wie sind die Organe im Pferd befestigt? Wo sitzt die Lunge, wo das Herz und wo bringt das Pferd seinen unglaublich langen Darm unter? Und wofür braucht man ein Zwerchfell und wie sieht es aus? Kullern alle Organe im Bauch herum oder wie sind sie „befestigt“? 😀 So viele Fragen… Betrachten wir im Folgenden eines der zentralen muskulär-faszialen Verbindungselemente: das Zwerchfell!

Bevor wir uns Gedanken zu den Zusammenhängen von Zwerchfell und Atmung, Zwerchfell und Muskulatur und Zwerchfell und Wohlbefinden des Pferdes machen, eine kleine anatomische Lagebeschreibung:

Anatomisch betrachtet, ist das Zwerchfell eine Trennscheibe zwischen der Brust- und Bauchhöhle, also zwischen Lunge und Gedärm. Es setzt am Processus Xyphoideus (Solarplexus), dem caudalen Ende des Brustbeins an, und spannt sich kuppelförmig quer durch den Pferdeleib bis zu den ersten Lendenwirbeln. Das Zwerchfell spannt sich diagonal durch den Bauchraum und sorgt ein wenig für „Ordnung“. Es stabilisiert die Organe in ihrer Lage und verbindet über Faszien und Muskeln die Weichteile mit dem Knochengerüst. In meiner Zeichnung beschreibt die „lila Linie“ im Längsschnitt die Lage des Diaphragma abdominale. Auf der cranialen Seite (zum Kopf hin) befinden sich das Herz und die Lunge. Auf der anderen Seite in der Bauchhöhle befinden sich alle anderen Organe (der Magen, die Gedärme, Leber, Milz, Nieren usw.).

Mit welchen Strukturen ist das Zwerchfell verbunden?

Das Zwerchfell hat direkte und indirekte Verbindungen zum Herzbeutel, zur Lunge, zu den Bauchmuskeln, zu den Rippen, dem Brustbein und zur Hüftmuskulatur, z.B. zum M. psoas minor, dem wichtigsten Beuger des Lumbosakralgelenks (Übergang Lendenwirbelsäule-Kreuzbein). Das Zwerchfell hat in seinen Ursprungsbereichen an der Lendenwirbelsäule, an den Rippen und am Brustbein muskuläre Verbindungen. Dazwischen liegt der sehnige und kuppelförmige Zwerchfellspiegel. Insbesondere bei der Atmung spielt die Elastizität und Dehnbarkeit dieser Membran eine wichtige Rolle.

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Bei der Einatmung wird das Zerchfell muskulär in Richtung Bauchraum nach unten gezogen, um in der Brusthöhle mehr Platz und damit einen Unterdruck zur Ausdehnung der Lungenflügel zu erzeugen.

Was passiert nun, wenn Muskeln, die am Zwerchfell ansetzen verspannen? Die Flexibilität und Dehnbarkeit bzw. die Beweglichkeit der faszialen Trennschicht wird vermindert. Welche Auswirkungen hat das? Die Beeinträchtigung der Dehnbarkeit und Mobilität des Zwerchfells hat durch seine zentrale Lage Einfluss auf alle umliegenden und mit ihm verbundenen Strukturen, also nahezu auf den gesamten Körper des Pferdes.

Welche Bedeutung hat das Zwerchfell beim Reiten?

Hat ein Pferd Stress, egal aus welchen Gründen (Hunger, Schmerz, fehlendes Vertrauen in den Menschen, Angst usw. ) verkrampft es muskulär. Konsequenz: Das Pferd atmet verkürzt, verspannt sich, das Blut und damit auch die Muskeln werden weniger mit Sauerstoff versorgt und es kann sich nicht mehr loslassen.

Bei der Atmung massiert das Zwerchfell die Organe, insebsondere die Leber, und regt den Stoffwechsel des Pferdes an. Daher ist das Abschnauben ein gutes Zeichen, dass sich das Pferd entspannt und trotz Belastung gleichmäßig atmet. Der Körper folgt dem Atem, nicht andersherum! Geht das Pferd locker, atmet es gleichmäßig und rhythmisch. Verspannt es sich, wird die Atmung hektisch.

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Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, eine Steigerung des Wohlbefindens von Pferd und Reiter BEVOR man mit einem planmäßigen Training beginnt, ersetzt unglaublich viele frustrierende Momente, in denen man Dinge zu erreichen versucht für die die Grundlagen einfach noch nicht geschaffen wurden. Viele „Unarten“ oder Probleme erledigen sich von alleine, wenn beide ausgeruht und motiviert in den Tag starten können. ;p Faszienfitness lohnt sich nicht nur für Pferde…

Ist man an diesem Punkt angelangt, kann es losgehen, am besten mit den Grundlagen wie z. B. einem ausgewogenen Sitz. Angelika Graf beschreibt sehr schön wie sich ein lockerer Sitz mit „Beinen, die gefühlvoll begleiten und den Atemrhythmus des Pferdes spüren können“, definiert. Habt ihr das schon mal ausprobiert? Könnt ihr den Atemrhythmus eures Pferdes mit euren Beinen erspüren? Meiner Meinung nach eine sehr lohnenswerte Übung, da es wirklich nur funktioniert, wenn man selbst entspannt, unverkrampft und aufmerksam auf seinem Pferd sitzt.

Entspannter Atemrhytmus = entspanntes Pferd = motiviertes und bewegungsfreudiges (& -fähiges) Pferd! klingt ganz einfach…

Kleiner Tipp: Viele Pferde genießen es, wenn man ihnen die hinteren Zwischenrippenräume sanft ausstreicht und massiert. Oder ihnen die flache Hand sanft kurz hinter der Schenkellage an den Bauch legt und wartet bis das Pferd sich entspannt und richtig in eure Hand hineinatmet.

Probiert’s mal aus… viel Spaß mit euren Pferden!

Literatur & Quellen:

  • [Angelika Graf, Working Equitation Basics, Kapitel „Sitz des Reiters“]
  • [H. Wissdorf, H. Gerhards, B. Huskamp, E. Deegen, Praxisorientierte Anatomie und Propedeutik des Pferdes, 3. Auflage]

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