Junge Pferde im Wachstum und ihre „Unarten“

Warum junge Pferde Zeit zum wachsen brauchen..
Bei jungen Pferden gibt es, genau wie bei uns Menschen, verschiedene Wachstums- und Entwicklungsphasen.
Die Milchzähne wechseln circa bis zum 5. Lebensjahr. Das bedeutet in dieser Zeit wächst auch der Schädel mit. Das kann phasenweise zu „Kopfschmerzen“, einer verspannten Kaumuskulatur, Stress im Genick usw führen..
Werden Pferde in dieser Phase „gearbeitet“, werden sie oft unleidlich oder zeigen „Unarten“, „Unwilligkeit“. Betrachtet man den biologischen Hintergrund, ist aus meiner Sicht glasklar warum das so ist.
Hochspannend und interessant sind auch die Zusammenhänge im Bewegungsapparat im Wachstum. Besonders „auffällig“ (und anfällig) sind hier sehr gross gewachsene Tiere.
Das Knochenwachstum streckt in kürzester Zeit die langen Röhrenknochen und lässt auch den Umfang und die Größe einzelner Knochen zunehmen. So kommt es, dass zeitweise der Muskel- und Sehnenapparat der Jungpferde verspannt, da die weicheren und elastischen Gewebe länger benötigen, um sich dem Knochen-/Größenwachstum anzupassen. Es fühlt sich vielleicht ähnlich an wie wenn man eine viel zu kleine Jacke und eine zu enge Hose trägt. Alle Bewegungen sind eingeschränkt, die Gelenke steif und die Koordination ist gestört.
Häufig begegnen mir grossgewachsene Pferde, die im Unterhals versacken und dadurch auch den Bewegungsschub aus der Hinterhand verlieren.
Im Wachstum hebt sich irgendwann der Widerrist heraus und damit gerät automatisch die Schulter-,Rücken- und Vorhandmuskulatur unter Spannung.
Äusserlich sieht dieser Prozess dem Absinken des Rumpfträgers ähnlich. Nur die Richtung ist hier anders. Sinkt der Brustkorb zwischen den Vorderbeinen durch, schiebt sich das Brustbein spitz zwischen den Buggelenken hervor. Wächst nur der Dornfortsatz der Brustwirbel, wird der Widerrist erhabener und zumindest zweitweise gerät dann auch die umliegende Muskulatur in Mitleidenschaft. „Kuhlen“ hinter der Schulter sind in keinem Fall wünschenswert und ein Sattel sollte nur auf einen Rücken mit muskulär gut eingebetter Wirbelsäule gelegt werden.
Junge Pferde benötigen mindestens 2 Jahre regelmäßiges Training bis sich eine stabile Grundlagenmuskulatur bzw ein belastbarer Faszienapparat zum Reiten aufgebaut hat.
Bedeutet das nun, dass man junge Pferde gar nicht reiten sollte? Jein, ich denke Absolutismus ist nirgendwo in der Pferdeausbildung angebracht.
Aber meiner Meinung nach ist es wichtig, dass jeder Pferdebesitzer lernt zu beobachten und zu verstehen, damit er im jeweiligen Moment für sein Pferd richtig entscheiden kann. Vor allem dann, wenn es eine Pause braucht, weil es rein physiologisch den Trainingsanforderungen nicht gerecht werden kann und weil es einfach derzeit genug mit sich selbst zu tun hat.
Ich habe festgestellt, dass mein junges Pferd mir deutlich zeigt, wann es bereit ist zum „arbeiten“ und wann es lieber „Pferdekram“ macht oder einfach nur lieb gehabt werden möchte. 😉🐴💚
Ich freue mich über Kommentare, Fragen, Meinungen zu diesem Thema. Die Textlänge der Beiträge ist begrenzt. Ich werde sicher noch häufiger auf diese spannenden Zusammenhänge eingehen… 🐴