Überbaut oder steif in der Hinterhand?

Oft höre ich, mein Pferd ist überbaut, deshalb rutscht der Sattel immer so nach vorne. Hm… aus meiner osteopathischen Praxiserfahrung kann ich sagen, dass das meistens nicht ganz stimmt.

Überbaut sind Pferde eigentlich nur phasenweise im Wachstum, das heißt je nach Rasse im Alter zwischen 1,5 und 7 Jahren. Eben dann, wenn die langen Röhrenknochen wachsen. Dadurch kommt es vor, dass zB das Pferd hinten schon gewachsen ist, vorne jedoch noch hinterher hängt. Dann sind die Beine hinten länger und das Pferd wirkt unharmonisch und „schief“. Es zeigt dann eine abfallende Rückenlinie von hinten nach vorne.

Bei ausgewachsenen Pferden entsteht der Eindruck des „überbaut seins“ dann, wenn die Hinterhand unphysiologisch steif wird. Das bedeutet, das Becken kippt nicht mehr in seine Neutralstellung zurück, die Sprunggelenke sind etwas steiler gestellt und die Bewegungen werden etwas staksiger.

Es gibt Pferderassen, die von ihrem Gebäude her eher dazu neigen hinten überbaut zu wirken (oder zu sein) als andere. Prädestiniertes Beispiel sind Quarterhorse, die zuchtbedingt eine massige Hinterhand und ein eher steiles Becken aufweisen. Die Vorhand wirkt im vergleich eher schmal und die Rückenlinie hat eher die Tendenz abfallend zu sein.

Wie finde ich heraus, ob mein Pferd nun „einfach so ist“ oder die Hinterhand sich unphysiologisch verändert hat?

Mögliche Indizien für eine unphysiologische Veränderung im Bereich der Hinterhand bzw. vorwiegend im Bereich des Beckens sind:

  • Probleme beim Hufe aufhalten hinten
  • Wegziehen der Hinterbeine beim Hufe aufnehmen
  • schlurfende Hinterhand
  • Probleme mit dem Galopp („Hasengalopp“, dh der Dreitakt geht verloren > hier sind oft Knieprobleme ursächlich // das Pferd „verweigert“ das Angaloppieren auf der gebogenen Linie, zB beim Longieren)
  • der Sattel rutscht nach vorne und/oder der Reiter hat das Gefühl, dass er im Sattel immer nach vorne kippt
  • Wer gut im Beobachten ist, sieht ob der Rücken des Pferdes (ohne Sattel oder Auflagen natürlich) wirklich nach oben schwingt oder ob er zwar „schwingt“, aber die Hauptbewegung nach unten geht…
  • leichter ist es, zu beobachten, ob die Bauchmuskulatur aktiv arbeitet oder ob man sie gar nicht sieht… ;p
  • und wie gut die Hüftstreckung im Trab ist, sprich wann die Hinterbeine abfußen.
Im Bild seht ihr ein Jungpferd (roh und ungeritten, SW, 2,5 Jahre jung), wo gerade die Hinterhand höher steht als die Vorhand. Im Laufe der nächsten Monate wird sich die Vorhand angleichen, indem auch hier die Röhrenknochen noch wachsen.

Die Ursachen für diese Kompensationshaltung können unterschiedlich sein:

  • Knieprobleme und eine daraus resultierende Schonhaltung
  • unpassende Ausrüstung (Sattel), die den Bewegungsfluss stört und das Pferd so in eine Kompensationshaltung zwingt (leider sehr häufig der Fall!)
  • Magenschmerzen („Bauchweh“), die dazu führen, dass das Pferd vorwiegend in der Bauchmuskulatur verkrampft, damit ebenfalls den Bewegungsfluss im Rücken unterbricht und zusammenzieht (Hinterbeine untergeschoben)
  • unphysiologische Reitweise und/oder zu falsche Trainingsreize bei denen die Muskelkraft des Pferdes (noch) nicht ausreicht und es daher in ein kompensatorisches Bewegungsmuster verfällt.

Was kannst du tun, damit dein Pferd zurück in seine physiologische Haltung findet und die Hinterhand wieder mobilisiert wird?

  1. Die Osteopathin deines Vertrauens anrufen 😉 Hier sollte zuerst manuell das Gewebe von Spannungen befreit werden, damit die Gelenke in ihre neutrale Stellung zurückfinden und die Muskulatur wieder in ihrer vollen Amplitude arbeiten kann. Hier liegt der Fokus vor allem auf der Entspannung, damit die Muskelstränge ihre volle Elastizität ausnutzen und nicht dauerhaft irgendetwas „festhalten“. Wichtig ist hierbei, das in der Tiefe gearbeitet wird und keine oberflächliche Mobilisierung erfolgt. Dann wäre der Erfolg nur sehr kurzfristig und der Körper fällt schnell in das alte Muster zurück.
  1. Die Ursachen ausmerzen, das heißt je nachdem die Ausrüstung, das Training oder auch die Haltungsbedingungen und Fütterung überprüfen. Hierbei ist es ratsam sich ebenfalls (zumindest für den Anfang) professionelle Unterstützung zu holen. Je nach Zusatzausbildungen, kannst du deine Therapeutin um Rat fragen. In der Regel kann sie dir zumindest kompetente Kontakte vermitteln von anderen Fachleuten mit denen sie gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit hat. (Sattler, THP, Futterberatung, Hufbearbeiter, …)
Hier sieht man eine ausgewachsene Stute (ca 10 Jahre), überwiegend ungeritten bzw sehr wenig geritten. Viel Bodenarbeit und mit einer wunderbaren Rückenlinie.

Mehr solcher Erklärungen und Beispiele bekommst du in meinen interaktiven Webinaren rund um das Thema Körperarbeit mit Pferden. Anatomische Hintergründe verständlich erklärt, effektive Trainingstipps und anschauliche Beispiele. Termine für das Winterhalbjahr sind in Planung… gerne kannst du dich via Mail schon als Interessent bei mir vorab melden: info@lina-peuckert.de

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